Theodor Heuss (1884–1963): Journalist – Politiker – Staatsmann

»Ich bin gerne in die Schule gegangen«, schrieb Theodor Heuss in seinen Lebenserinnerungen. Um dem Verdacht zu begegnen, ein Musterknabe gewesen zu sein, fügte er hinzu, das komme wohl daher, dass er die Schule »nie ganz ernst genommen« habe. Er sei ein guter Schüler gewesen, »mit achtzehn Jahren so kenntnisreich wie gewiss nie mehr in meinem ganzen Leben. Das verlor sich wieder.« Theodor Heuss, der so unprätentiös aus seinem Leben erzählen konnte, wurde 1884 in Brackenheim bei Heilbronn geboren, starb 1963 in Stuttgart und war von 1949 bis 1959 der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

Theodor Heuss

Heuss entstammte einer liberalen württembergischen Familie, absolvierte das Gymnasium in Heilbronn und studierte ab 1902 in München und vor allem Berlin Volkswirtschaft. 1905 schrieb er in drei Wochen aus einem »Koffer voll Papier« seine Doktorarbeit nieder: Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn am Neckar.

Bereits während seines Studiums hatte er führende Vertreter des deutschen Liberalismus kennen gelernt, so Friedrich Naumann, in dessen sozialliberaler Zeitschrift Hilfe er ab Sommer 1905 als Redakteur arbeitete. 1908 heiratete er Elly Knapp, eine Professorentochter, die als eine der ersten Frauen Volkswirtschaft studierte. 1910 kam das einzige Kind auf die Welt: Ernst Ludwig, der später in Lörrach die Firma Wybert (heute GABA) leitete. Heuss wurde während des Ersten Weltkriegs wegen einer Schulterverletzung, die von seiner Abitursfeier herrührte, nicht eingezogen. Er lebte von journalistischen Arbeiten, war als Wahlhelfer für liberale Sozialpolitiker tätig und wurde 1920 als Dozent an die private »Deutsche Hochschule für Politik« in Berlin berufen. Während der Weimarer Republik, deren engagierter Fürsprecher er war, wirkte er als Reichstagsabgeordneter der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) von 1924–28, 1930–32 und nochmals für einige Monate im Jahr 1933.

1932 hatte Heuss das Buch Hitlers Weg. Eine historisch-politische Studie über den Nationalsozialismus veröffentlicht. Darin setzte er sich ebenso wie in zahlreichen Parlamentsdebatten kritisch mit der NSDAP auseinander. Gleichwohl stimmte er mit seiner Partei am 23. März 1933 für das Ermächtigungsgesetz, das der Regierung Hitlers legislative Kompetenzen übertrug und die Selbstentmachtung des Parlaments bedeutete. Er habe gewusst, bekannte Heuss später, »dass dieses »Ja« nie mehr aus (s)einer Lebensgeschichte ausgelöscht werden könne«. Noch 1933 verlor Heuss sein Reichstagsmandat und seine Dozentur. Auch als Journalist durfte er nur noch unter großen Einschränkungen arbeiten; einige Biographien – etwa über den Architekten Poelzig, den Politiker Naumann und den Unternehmer Robert Bosch - konnten publiziert werden. Elly Heuss-Knapp sorgte bis 1945 als Werbetexterin für den Unterhalt der Familie.

1943/44 nahm Heuss Kontakt zu dem Widerstandskreis um Carl Goerdeler auf. Wäre das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 gelungen, wäre Heuss als Pressechef einer neuen Regierung tätig geworden. Durch einen Zufall entging er der Inhaftierung durch die Gestapo und erlebte das Kriegsende in Heidelberg. Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 empfand er als »tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte«, weil »wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind«. Bereits im Sommer 1945 war Heuss wieder als Journalist tätig. 1945/46 legte er als erster Kultusminister des Landes Württemberg-Baden die Grundlagen für ein demokratisches Schulwesen im deutschen Südwesten. Für die von ihm mitbegründete liberale Partei DVP – die spätere FDP – saßen Heuss und seine Frau bis zu seiner Wahl als Bundespräsident im Landtag. 1948 war er für kurze Zeit Professor für politische Wissenschaften an der Technischen Hochschule Stuttgart. Im selben Jahr wurde er Abgeordneter des Parlamentarischen Rates und war – zusammen mit Carlo Schmid (SPD) und Konrad Adenauer (CDU) – maßgeblich an der Ausarbeitung des Grundgesetzes beteiligt.

Am 12. September 1949 wurde Theodor Heuss zum ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Unmittelbar nach seiner Wahl sagte er: »Im Bewusstsein meiner Verantwortung vor Gott trete ich dieses Amt an. Indem ich es übernehme, stelle ich dieses Amt und unsere gemeinsame Arbeit unter das Wort des Psalmisten: ›Gerechtigkeit erhöhet ein Volk!‹« In seiner Amtsführung prägte Heuss wesentlich die BRD. Er beschränkte sich nicht auf repräsentative Pflichten, sondern arbeitete eng – auch im Widerspruch – mit Bundeskanzler Adenauer zusammen. Heuss baute durch seine legeren Auftritte die traditionelle Kluft zwischen Staatsoberhaupt und Bevölkerung ab; gegen die verharmlosende Bezeichnung »Papa Heuss« allerdings verwehrte er sich energisch.

Theodor Heuss reflektierte offen und differenziert die Vergangenheit und warb für die Demokratie. 1949 etwa setzte er sich mit der Frage auseinander, welche Verantwortung die Deutschen an den Verbrechen der NS-Zeit hätten, und prägte den Begriff der Kollektivscham. 1952 widersetzte sich Heuss zunächst dem Plan zur »Wiederbewaffnung« der Bundesrepublik. Als er erkannte, dass Adenauer eine demokratische Armee aufbauen und die Bundeswehr in die westlichen Verteidigungsbündnisse einbinden wollte, gab er seinen Widerstand auf. 1959 setzte er sich in einer Rede intensiv mit den Gefahren missverstandener militärischer Traditionen auseinander. Den Wünschen vieler, als Bundespräsident für eine dritte Amtszeit zur Verfügung zu stehen, lehnte er 1959 mit dem Hinweis auf eine dann nötig werdende Verfassungsänderung ab: »Mir kam es darauf an ..., die rechtliche Kontinuität staatlichen Seins unabhängig von jeglichem persönlichen Aspekt zu sichern. ... Demokratie ist Herrschaftsauftrag auf Frist.« Am 12. September 1959 übergab er das Amt des Bundespräsidenten seinem Nachfolger Heinrich Lübke.

Bis zu seinem Tode am 12. Dezember 1963 lebte er zurückgezogen – seit 1952 war er verwitwet – in einem kleinen Privathaus in Stuttgart.

Volker Habermaier

Zwei der wichtigen Reden des Bundespräsidenten Heuss:
Die Antrittsrede (12. September 1949): »Deutschland braucht Europa, aber Europa braucht auch Deutschland. Wir wissen es im Geistigen: Wir sind in der Hitlerzeit ärmer geworden, als uns die Macht des Staates vor dem Leben der Völker absperrte. Aber wir wissen auch dies: Die anderen würden ärmer werden ohne das, was Deutschland bedeutet. Wir stehen vor der großen Aufgabe, ein neues Nationalgefühl zu bilden. Eine sehr schwere erzieherische und erlebnismäßige Aufgabe, dass wir nicht versinken und steckenbleiben in den Ressentiments, in das das Unglück unseres Staates viele gestürzt hat, und dass wir nicht ausweichen in hochfahrende Hybris, wie es ja nun bei den Deutschen oft genug der Fall war.«

Mut zur Liebe (7. Dezember 1949): »Es hat keinen Sinn, um die Dinge herumzureden. Das scheußliche Unrecht, das sich am jüdischen Volk vollzogen hat, muss zur Sprache gebracht werden in dem Sinne: Sind wir, bin ich, bist du schuld, weil wir in Deutschland lebten, sind wir mitschuldig an diesem teuflischen Verbrechen? ... Man hat von einer »Kollektivschuld« des deutschen Volkes gesprochen. Das Wort Kollektivschuld ... ist aber eine simple Vereinfachung ... Aber etwas wie eine Kollektivscham ist aus dieser Zeit gewachsen und geblieben. ... Ich weiß: das, was ich hier sagen werde, wird manche Leute ärgern ... Wir dürfen nicht einfach vergessen, dürfen auch nicht Dinge vergessen, die die Menschen gerne vergessen möchten, weil das so angenehm ist.«
(Quelle: Theodor Heuss. Die großen Reden. Der Staatsmann. Tübingen 1965.)

Zwei der unzähligen Heuss-Anekdoten:
Nach dem Protokoll durfte bei Empfängen niemand vor dem Bundespräsidenten den Raum verlassen. Heuss blieb jedoch oft weit über den offiziellen Teil hinaus und vergaß, in Gespräche vertieft, die vorgerückte Stunde. Von seinem persönlichen Referenten wurde dann diskret zum Aufbruch gemahnt. Einmal reagierte Heuss, indem er aufstand und laut verkündete: »Der Bundespräsident geht – der Heuss bleibt hocke!«

»Eigentlich«, meditierte Heuss einmal, »müsste man anregen, dass alle unverheirateten Männer fortgeschrittenen Alters mit ›Herrlein‹ angeredet werden. Da wären dann die unverheirateten Frauen, die aus sich und ihrem Leben etwas gemacht haben, bald die Anrede ›Fräulein‹ los!«
(Quelle: Heuss-Anekdoten. Gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss. München und Esslingen 1986.)