Der Tag begann heute etwas anders als gewöhnlich. Statt von einem Wecker geweckt zu werden, waren wir diejenigen, die andere aus dem Schlaf holten. Mit einer Musikbox und einer großzügigen Auswahl an White-Girl-Music sorgten wir bereits am frühen Morgen dafür, dass die Schweizer Baddies ebenfalls in den Tag starten konnten. Die musikalische Untermalung kam dabei vermutlich nicht bei allen gleich gut an, war aber definitiv nicht zu überhören.An Ausschlafen war ohnehin nicht zu denken, denn der Zeitstress des Todes wartete bereits auf uns: Um 6:30 Uhr aufstehen, um 7:15 Uhr Frühstück und um 8:00 Uhr Abfahrt. Immerhin wurden wir mit dem vermutlich besten Frühstück der gesamten Alpenüberquerung belohnt. Für einen kurzen Moment fühlte sich das Leben noch gut an.
Doch die Realität schlug schneller zu als erwartet. Zum Aufwärmen führte die Strecke direkt über einen massiven Trail, der bei einigen bereits Erinnerungen an ihr gesamtes bisheriges Leben hervorrief. Die ersten Kilometer wurden trotzdem ordentlich geballert und die Stimmung war bestens.
Nach einiger Zeit erreichten wir einen See, an dem wir eine Pause einlegten. Natürlich wurde die Gelegenheit zum Schwimmen genutzt. Herr Kunze wurde dabei mehr oder weniger freiwillig von einer Plattform ins Wasser befördert, was für allgemeine Erheiterung sorgte.
Anschließend begann jedoch die eigentliche Herausforderung des Tages: Rund 1.000 Höhenmeter Anstieg bis zur Alm. Dieser Berg erhielt von vielen Teilnehmern schnell den offiziellen Titel „ultimativer Fickerberg“. Während wir uns Meter für Meter nach oben kämpften, bemerkte Primoz plötzlich, dass sein platter Reifen eigentlich tubeless war. Diese Erkenntnis kam zwar spät, sorgte aber dennoch für Gesprächsstoff.
Der Anstieg bestand hauptsächlich aus Leiden, Tränen und sehr viel Schieben. Nach einiger Zeit meldeten sich sowohl Beine als auch Gesäß mit deutlichen Beschwerden. Jonas begann irgendwann sogar, die Straße in verschiedenen Farben zu sehen. Ob dies an der Hitze, der Anstrengung oder einer höheren Macht lag, konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden.
Nach etwa 600 Höhenmetern erreichten wir eine Pause. Dort bekamen wir unfreiwillig eine kleine Unterhaltungseinlage von einigen Schweizer Bauarbeitern, die sich lautstark über einen falsch geparkten Anhänger aufregten und dabei verbale Schläge verteilten. Gleichzeitig öffnete Herr Pfitzer, auch bekannt als PJ, sein erstes White Monster des Tages und wirkte danach deutlich motivierter. Der weitere Anstieg wurde nicht leichter. Teilweise wurde sogar Bier im Bach gekühlt, um die Moral der Truppe aufrechtzuerhalten. Zwischendurch kam es außerdem beinahe zu einem Kuhangriff auf unsere Fahrräder. Glücklicherweise konnten beide Parteien eine friedliche Lösung finden.
Für Felix und Jonas gab es unterwegs ein besonderes Highlight: Zum ersten Mal sahen sie Murmeltiere in freier Wildbahn. Felix taufte die Tiere spontan auf den Namen „Muskeltiere“, was sich erstaunlich schnell durchsetzte.
Irgendwann erreichten wir tatsächlich die Alm. Das Problem: Dort gab es praktisch kein Internet. Nach fast 60 Kilometern und insgesamt rund 1.800 Höhenmetern – den meisten der gesamten Tour – war das für manche beinahe schlimmer als der Anstieg selbst. Deshalb wurden anschließend noch einige Kilometer bergab gefahren, nur um wieder einigermaßen brauchbares Netz zu bekommen.
Am Abend machten wir uns noch auf eine kleine Wanderung, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Dabei zeigte uns ein Mädchen von der Almhütte mit beeindruckender Adleraugen-Präzision mehrere Hirsche am gegenüberliegenden Berghang. Seitdem trägt sie bei uns den Spitznamen „Hawkeye“.
Zurück auf der Alm wartete schließlich das Abendessen: echtes Schweizer Raclette. Währenddessen entwickelten sich intensive Diskussionen über Gott und die Welt. Themen waren unter anderem Frauenrechte, Geschichten aus dem Kollegium, ChatGPT in der Schule und legendäre alte Klassenarbeiten.
Auch die Unterkunft hatte ihren ganz eigenen Charme. Für eine Dusche mussten zunächst fünf Franken investiert werden. Anschließend stellten wir fest, dass zwei Zimmer mit jeweils acht Betten offenbar für neun Personen ausgelegt waren. Zusätzlich herrschten Temperaturen, die eher an eine finnische Sauna als an ein Schlafzimmer erinnerten.
Trotzdem ließen wir uns die Stimmung nicht verderben. Es kam zu einer Bananenschlacht, Toni Geboni erhielt eine besonders erfrischende Dusche direkt im Bett in Form von Wasser ins Gesicht und die Nacht wurde von einer beeindruckenden Menge an Pupsen begleitet. Erstaunlicherweise blieb die Laune trotzdem hervorragend und es wurde viel gelacht.„Am Ende bleibt als Fazit: Es war ein absoluter Spitzentag. Die Strecke hatte es mit 60 Kilometern und rund 1.800 Höhenmetern brutal in sich, unsere Beine und unser Gesäß haben inzwischen jeglichen Kontakt zur Realität verloren, aber die vielen verrückten Momente, das Gelächter und die gemeinsamen Leiden haben diesen Tag zu einem der legendärsten der bisherigen Tour gemacht.“




