Tag 5: Tränen, Halluzinationen und italienische Verkehrserziehung "Aller Anfang ist Schwer. Das Ende ist noch schwerer"

Der Tag begann überraschend friedlich. Früh am Morgen verließen wir unsere Almhütte und machten uns bereit für die nächste Etappe unserer Alpenüberquerung. Nach dem gestrigen Leidensfestival wirkten die angekündigten 42,5 Kilometer und 1200 Höhenmeter fast schon harmlos. Ein Irrtum, wie sich später herausstellen sollte.
Direkt zu Beginn wollte einer unserer Mitschüler seine beeindruckenden Driftkünste präsentieren. Die Vorführung dauerte ungefähr drei Sekunden und endete mit einem eleganten Bodenkontakt. Die Schürfwunden waren zum Glück harmlos, sein Ruf als Profi-Drifter erlitt jedoch schwere Schäden.
Die ersten Kilometer verliefen noch relativ entspannt. Wobei „entspannt“ relativ ist. Einer unserer Mitschüler entwickelte bereits früh eine ganz besondere Beziehung zu seiner Fahrradkette. Ungefähr alle fünf Kilometer sprang sie heraus. Anfangs halfen noch alle motiviert beim Reparieren. Nach dem fünften Zwischenfall wurde die Reaktion deutlich nüchterner. Das Geräusch einer abspringenden Kette gehörte bald genauso selbstverständlich zur Tour wie das Keuchen an den Anstiegen.
Die ersten Höhenmeter verschwanden unter unseren Reifen. Mittlerweile beeindrucken uns selbst 600 Höhenmeter Aufstieg kaum noch. Was vor zwei Tagen noch wie eine ausgewachsene Bergtour geklungen hätte, wird inzwischen mit einem müden Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Offenbar verschieben sich die Maßstäbe in den Alpen sehr schnell.
Für das erste große Hindernis des Tages sorgten allerdings keine Berge, sondern Holzfäller. Mitten auf unserer Abfahrt versperrten riesige Holzstapel den Weg. Nach intensiven Verhandlungen wurde uns schließlich erlaubt, die etwa drei Meter hohen Hindernisse zu überwinden. Also bildeten wir kurzerhand eine Fahrradkette – diesmal aus Menschen statt aus Metall – und reichten Fahrräder, Gepäck und Ausrüstung über die Holzberge. Die Aktion wirkte wie eine Mischung aus professioneller Bergrettung und einem schlecht organisierten Umzug.
Danach wartete der sogenannte „Wald des Schreckens“ auf uns. Ein Trail, der laut Beschreibung fahrbar sein sollte. Diese Einstufung muss allerdings von jemandem vorgenommen worden sein, der entweder Weltklasse-Mountainbiker oder komplett wahnsinnig ist.
Der Weg war so steil, verblockt und technisch anspruchsvoll, dass an Fahren kaum zu denken war. Stattdessen gab es Schweiß, Frust, Blut, Tränen und gelegentliche Diskussionen über die Sinnhaftigkeit dieser gesamten Unternehmung. Manche schoben ihre Fahrräder, andere ihre Motivation. Die Kombination aus Erschöpfung, Hitze und ständigem Tragen der Räder brachte selbst die größten Optimisten an ihre Grenzen.
Nach dieser Erfahrung stand der Endgegner des Tages bevor: der letzte große Aufstieg. Die Stimmung war schwer zu beschreiben. Einerseits freuten wir uns auf das Ende der Qualen, andererseits hatten viele die schlimme Vorahnung, dass die Strecke noch eine Überraschung für uns bereithalten würde.
Der Anstieg selbst war brutal. Steil, lang und gnadenlos. Während wir uns Meter für Meter nach oben kämpften, zeigten sich erste Anzeichen extremer Erschöpfung. Einige Schüler berichteten plötzlich von einem bunten Trail. Andere behaupteten, der Weg sei komplett schwarz-weiß. Ob Sauerstoffmangel, Sonnenstich oder einfach mentale Überlastung die Ursache war, konnte nicht abschließend geklärt werden.
Oben angekommen erreichten wir mit 2354 Metern den höchsten Punkt der gesamten Tour. Die Aussicht war jede einzelne Qual wert. Majestätische Gipfel, grüne Täler und eine Landschaft, die aussah wie aus einem Reisekatalog.
Einige Mitschüler entdeckten in der Ferne Schnee und beschlossen spontan, noch höher zu klettern, um ihn anzufassen. Nach zusätzlichen Höhenmetern voller Einsatz stellten sie fest, dass sich direkt unterhalb des Weges bereits ein großes Schneefeld befand. Die gesamte Kletteraktion war also vollkommen unnötig gewesen. Der Schnee wurde trotzdem erfolgreich berührt und das war offenbar alles, was zählte.
Dann begann die Abfahrt.
Und was für eine.
Ein endlos langer Trail führte hinunter ins Tal. Technisch anspruchsvoll, schnell und stellenweise ziemlich furchteinflößend. Mehrere Schüler führten dabei unfreiwillige Frontflips auf – eine spektakuläre Disziplin, die allerdings nicht Bestandteil des ursprünglichen Tourenplans war. Glücklicherweise blieben die meisten Fahrer und Fahrräder weitgehend intakt.
Die Abfahrt wollte einfach kein Ende nehmen. Kilometer um Kilometer ging es bergab. Während die Bremsen langsam um Gnade bettelten, kämpften sich die Fahrer durch Kurven, Steinfelder und technische Passagen. Irgendwann wusste niemand mehr genau, wie lange wir bereits unterwegs waren.
Nach gefühlten Stunden bergab erreichten wir schließlich die letzte Passage des Tages auf einer Bundesstraße. Eigentlich hätte dies der entspannte Teil werden sollen.
Eigentlich.
Ein italienischer Autofahrer entschied sich nämlich, unsere Gruppe an einer denkbar ungeeigneten Stelle überholen zu wollen. Die Situation wurde schnell unangenehm und ziemlich gefährlich. Während unser Lehrer seine Meinung dazu durch eine international verständliche vulgäre Handgeste ausdrückte.

Schließlich erreichten wir unsere Unterkunft für die Nacht. Statt einer einfachen Berghütte erwartete uns eine riesige Villa mit Platz für ungefähr 70 Personen. Für gerade einmal 30 Euro pro Person fühlte sich das nach zwei Tagen Alpenüberquerung fast schon wie ein Luxusresort an.
Allerdings hatte das Gebäude auch eine leicht unheimliche Atmosphäre. Lange Flure, knarzende Treppen, verwinkelte Räume und eine Stimmung, die direkt aus einem Horrorfilm stammen könnte. Einige waren sich sicher, dass es dort spuken musste. Andere wollten nachts lieber gar nicht erst alleine durch die Gänge laufen.
Nach den Strapazen des Tages war uns das letztendlich aber völlig egal. Wir konnten endlich die Beine hochlegen und entspannen.
Ein weiteres Highlight wartete am Abend auf uns. Unser Versorgungsteam hatte wieder ganze Arbeit geleistet und uns mit unglaublich leckerem Essen versorgt. Nach einem Tag voller Schweiß, Blut, Frust, Halluzinationen, Stürzen und Kettenproblemen schmeckte das Essen ungefähr so gut wie ein Sterne-Menü. Ob das tatsächlich am Essen lag oder daran, dass wir komplett ausgehungert waren, wird wohl nie geklärt werden.
Am Ende des Tages bestanden wir aus Staub, Muskelkater, Schürfwunden und einer Mischung aus Erleichterung und Stolz. Wieder einmal hatten wir unser Ziel erreicht – und wieder einmal fühlte sich die Etappe deutlich länger an, als die Zahlen vermuten ließen.
Fazit des Tages:
• 42,5 Kilometer gefahren
• 1200 Höhenmeter überwunden
• 2354 Meter maximale Höhe erreicht
• 1 missglückte Drift-Vorführung
• mehrere Schürfwunden
• 1 Fahrrad mit chronischer Kettenflucht (ca. alle 5 km)
• 3 Meter hohe Holzstapel überwunden
• 1 Fahrradkette aus Menschen gebildet
• 1 Wald des Schreckens überlebt
• Frust, Schweiß, Blut und Tränen in ausreichender Menge produziert
• mehrere Halluzinationen über die Farbe von Trails
• 1 unnötige Schnee-Expedition durchgeführt
• mehrere unfreiwillige Frontflips
• 1 extrem lange Abfahrt gemeistert
• 1 italienischen Autofahrer verärgert
• 1 vulgäre Lehrer-Geste
• 1 Mitschüler blockiert aus Protest ein Auto
• 1 riesige Villa als Unterkunft
• Platz für etwa 70 Personen
• 30 € pro Person
• Atmosphäre: zwischen Luxusunterkunft und Horrorfilmkulisse
• Abendessen vom Versorgungsteam: 10/10
• Entspannungsniveau am Abend: maximal
• Motivation: zeitweise nicht mehr nachweisbar
• Aussicht: 10/10
• Erinnerungen: unbezahlbar
Morgen geht es weiter. Unsere Beine haben dazu zwar noch keine Stellungnahme abgegeben, aber die Fahrräder stehen immerhin

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