"Jede Alpenüberquerung hat irgendwann ihren letzten Tag. Zum Glück.”
Nach den Strapazen der vergangenen Tage fühlte sich der Morgen in der Villa Pia fast schon entspannt an. Um 10:30 Uhr ging es diesmal erst los – Ausschlafen deluxe im Vergleich zu den letzten Tagen. Das hatte allerdings einen kleinen Haken: Statt der morgendlichen Kühle erwarteten uns bereits Temperaturen von rund 35 Grad.
Direkt nach dem Start begann die wohl entspannteste Abfahrt der gesamten Tour. Die ersten Kilometer führten fast ausschließlich bergab. Nach den endlosen Anstiegen der vergangenen Tage fühlte sich das beinahe ungewohnt an. Plötzlich musste man nicht mehr gegen den Berg kämpfen, sondern höchstens gegen die Versuchung, einfach die Bremsen loszulassen.
Die ersten Kilometer machten richtig Spaß. Danach wurde die Strecke allerdings deutlich flacher. Rund 40 Kilometer rollten wir durch das Tal Richtung Comer See. Die Landschaft entschädigte dabei für die etwas eintönige Strecke. Links und rechts ragten riesige Berge in den Himmel, während wir gemütlich durch das Tal fuhren. Eigentlich war die Etappe technisch ziemlich einfach. Wären da nicht die 35 Grad gewesen, die selbst die letzten flachen Kilometer anstrengender machten als erwartet.
Besonders viel Action gab es an diesem Tag ausnahmsweise nicht. Ganz ohne Spektakel ging es dann aber doch nicht. Ein Mitschüler führte einen unerwarteten Front Flip vor, ein anderer war nur wenige Zentimeter davon entfernt, es ihm gleichzutun. Offenbar wollten manche auch am letzten Tag noch für Unterhaltung sorgen.
Eine weitere Besonderheit: Zum ersten Mal während der gesamten Tour gab es unterwegs keine Pause. Da wir erst später gestartet waren und die Strecke vergleichsweise leicht war, rollten wir ohne Unterbrechung bis nach Domaso durch.
Irgendwann war er dann endlich da: der Comer See. Nach sechs Tagen, unzähligen Höhenmetern, Schweiß, Muskelkater und wahrscheinlich mehreren Litern Iso Getränk hatten wir unser Ziel tatsächlich erreicht.
Am Campingplatz angekommen verabschiedeten wir uns von unserem Begleitteam, das während der gesamten Woche einen überragenden Job gemacht hatte. Sie kümmerten sich um unsere Fahrräder, das restliche Gepäck und sorgten jeden Tag dafür, dass wir unterwegs bestens versorgt wurden. Ohne ihre Unterstützung wäre diese Tour in dieser Form kaum möglich gewesen. Vielen Dank dafür!
Danach konnten wir endlich unser Finish feiern. Fast alle bestellten sich an der Strandbar einen Cocktail und genossen den Moment, auf den wir sechs Tage lang hingearbeitet hatten. Anschließend sprangen wir direkt in den Comer See. Zum ersten Mal seit Tagen mussten wir nicht mehr an den nächsten Anstieg denken.
Natürlich durfte auch ein kleiner Einkauf nicht fehlen. Mit Obst, Lemon Soda und Chips fühlte sich das Leben plötzlich erstaunlich italienisch an. Nach einer Woche voller Berge, Schweiß und Müsliriegel hatten wir uns diesen Nachmittag definitiv verdient.
Am Abend stand noch gemeinsames Pizzaessen auf dem Programm. Die Pizzeria hatte zwar noch etwas Luft nach oben, aber nach sechs Tagen Alpenüberquerung hätte vermutlich selbst Tiefkühlpizza hervorragend geschmeckt.
Anschließend ging es noch in eine Bar, wo wir gemeinsam die Niederlage Deutschlands verfolgten. Während drinnen Fußball lief, spielte sich draußen das eigentliche Spektakel ab. Ein gewaltiges Gewitter zog über den Comer See und verwandelte den Himmel in eine beeindruckende Lichtshow.
Für den einen oder anderen wurde die Stimmung im Laufe des Abends mit etwas Unterstützung von kühlen Getränken sogar noch ein kleines bisschen besser. So fand unsere Alpenüberquerung einen würdigen und sehr entspannten Abschluss.
Am Ende blieb vor allem eines: Stolz. Vor sechs Tagen standen wir noch in Winterthur und wussten nicht genau, was uns erwartet. Jetzt standen wir am Comer See. Dazwischen lagen 350 Kilometer, unzählige Höhenmeter, jede Menge Schweiß, Schmerzen, Stürze, Pannen, unvergessliche Momente und vor allem eine Woche, die wir so schnell nicht vergessen werden.
Fazit des Tages:
● 55,4 Kilometer gefahren
● 200 Höhenmeter überwunden
● 2 Stunden und 38 Minuten Fahrzeit
● fast ausschließlich bergab gestartet
● rund 40 Kilometer flach durchs Tal gerollt
● Temperaturen von etwa 35 Grad überstanden





